Entwurmungsmittel kann für Hunde toxisch sein

 

Der zehn Monate alte Australian Shepherd „Bonnie“ musste nachts krampfend in Seitenlage in die Klinik gebracht werden “Bis heute Abend war unsere „Bonnie“ ganz normal, doch dann fing sie plötzlich an, so komisch zu zucken“ , erzählte die Besitzerin. Diese Zuckungen steigerten sich zusehenst bis hin zu Dauerkrämpfen. Zum Zeitpunkt der Einlieferung in die Klinik lag die Hündin auf der Seite, speichelte sehr stark, war nicht ansprechbar, ihre Körpertemperatur überhitzt.

 

Es  wurde eine sofortige symptomatische Therapie eingeleitet: Um den kreislauf zu stabilisieren, musste „Bonnie“ Intravenös infuniert werden. Kalte Umschläge sollten helfen, gegen die Überhitzung  anzukämpfen. Gegen die Kräpfe wurde Diazepam, ein krampflösendes Beruhigungsmittel, verabreicht. Alle Symptome deuteten auf eine Vergiftung hin. Auf Nachfragen, ob die Hündin etwas aufgenommen  haben könnte, konnte die Besitzerin nichts erwidern. „Bonnie“ war die letzte Zeit unter ständiger Aufsicht, sie durfte mit in den Pferdestall, es war alles wie immer…

 

Bonnie nahm einwenig von der Entwurmungspaste auf

 

Nebenbei erwähnte die Besitzerin, dass sie  nachmittags ihre Pferde entwurmt hatte. Dieser sehr wichtige Nebensatz brachte die Lösung: “ Ein Pferd spuckte von der Wurmpaste  etwas aus und „ Bonnie schleckte es aus.“

Die Wurmkur beinhaltet den Wirkstoff Ivermectin. Ivermectin gehört der Wirkstoffgruppe der Avermectine an. Avermectine sind ursprünglich so genannte Fermentationsprodukte eines Strahlenpilzes und werden zur Parasitenbekämpfung in vielen gängigen Produkten eingesetzt. Grundsätzlich kann die Wirkstoffgruppe auch bei Hunden angewendet werden. So wird z.B. Selamectin erfolgreich  in der Bekämpfung von Parasiten eingesetzt. Ivermectin  an sich  ist aber ein Medikament für Rinder, Pferde und Schweine. Eine zehnfache Überdosis  kann beim Hund zu Vergiftungserscheinungen führen

Einige Hunderassen (Collie, Bobtail, Australian, Shepherd,Shetland Sheepdog, Wäller und Weißer Schäferhund) reagieren jedoch viel empfindlicher. Schon ein Viertel der normalen Dosis kann bei diesen Hunden zu Bewegungs-und Koordinationsstörungen , Zittern, vermehrtem Speichelfluss, Erbrechen sowie Koma bis zum Tode führen. Diese Symptome treten vier bis sechs Stunden ,selten bis zu 24 Stunden verzögert nach Aufnahme übers Maul auf.

 

Ein Gendefekt als Ursache  für die Überempfindlichkeit

 

Seit den 80er Jahren ist bekannt, dass es aufgrund eines Gendefektes zu dieser Überempfindlichkeit unteranderem gegen manche Avermectine bei Vertretern dieser Hunderassen kommt.

Das Gehirn wird vor einem Übertritt von Giftstoffen aus dem Blut-Hirnschranke geschützt. Das Blut erreicht das Gehirn über kleinste Blutgefäße, die Gehirnkapillaren. Die Wand dieser Kapillaren ist mit speziellen Zellen, den Endothelzellen, ausgekleidet. Diese Zellen sind mit Transport und Kontrollmechanismen ausgestattet. Hier wird sozusagen entschieden, welche Stoffe das Gehirn erreichen dürfen und welche Stoffe herausgefiltert werden müssen. Ivermectin als Fremdstoff wird also auch  abgepasst und wieder ins Blut zurückgeschickt. Der dafür zuständige Mechanismus heißt MDR1- Transporter

 

 

 

 

Der MDR1- Transporter verliert seine Schutzfunktion

 

In den Genen des Hundes ist die Bauweise dieser Transporter gespeichert. Ist dieses Gen verändert, spricht man von einer Mutation. Im Bezug auf das für den MDR1-Transporter  verantwortliche gen führt eine Mutation dazu, dass der Transporter seine Schutzfunktion verliert. Nun kann Ivermectin  ungehindert ins Gehirn eindringen und seine funktion schädigen. Die Auswirkungen sind die oben beschriebenen Symptome. Seit einigen Jahren kann die Mutation des MDR1-Gen in bestimmten Speziallabors nachgewiesen werde. Dafür ist nur eine geringe Menge Blut notwendig.

Der MDR1-Gendefekt kann auf die nachkommen vererbt werden. Es handelt sich um einen so genannten  autosomal-rezessiven Erbgang. Deshalb können Hunde versteckte Träger der Mutation sein, auch wenn sie selbst mit großer Wahrscheinlichkeit keine Vergiftungserscheinungen  entwickeln  würden. Bei der Zucht könnte dieser test berücksichtigt werden, um gezielt eine Weitervererbung zu verhindern. Folgende Einteilung kann getroffen werden.

 

MDR1 ( +/+ )

Diese Hunde weisen keine Mutation auf, ihr MDR1-Transport-system ist vollständig intakt

 

MDR1 (-/-)

Diese Hunde haben einen MDR1-Gendefekt, Vergiftungserscheinungen treten nach Ivermectin-Gabe mit großer Sicherheit auf, sie geben ein Gen mit defekt an ihre nachkommen weiter.

 

MDR1 (+/-)

Diese Hunde sind Merkmalsträger, Vergiftungserscheinungen sind unwahrscheinlich, die Nachkommen können sowohl das unveränderte als auch das mutierte Gen erben.

 

Grundsätzlich können ähnliche Erscheinungen nach Aufnahme von Opioiden, Barbituraten, Organophosphaten  oder Carbamaten auftreten. Wichtig ist es eben, mit dem Besitzer genau genau die letzte Stunde durchzugehen, damit die Ursache gefunden werden kann.

Falls man beobachtet hat, dass der Hund etwas Ungewöhnliches aufgenommen hat, sollte man die Substanz und Verpackung mit zum Tierarzt bringen. Als verantwortungsbewusster Besitzer sollte man so schnell als möglich den nächsten Tierarzt aufsuchen.

 

Die Behandlung ist meist aufwändig

 

Erbrechen nach Aufnahme von Ivermectin oder anderen Stoffen auszulösen, ist nur bis zu zwei Stunden danach sinnvoll weil danach der Magen bereits Überwiegend entleert ist… Aktivkohle und Glaubersaz  Hemmen dann die Aufnahme im Darm bzw. fördern die Ausscheidung.

Neben der Kreislaufstabilisierung mittels Infusionen muss stets die Körpertemperatur kontrolliert und gegebenenfalls unterstützt werden. Beim Aussetzen der Atmung ist unter Umständen eine meherere Tage dauernde Beatmung notwendig. Währendessen muss der Hund künstlich über eine Magensonde ernährt werden. Physiotherapeutische   erhalten u.a. die Muskulatur aufrecht, eine ständiges Umlagern verhindert Wundlegen und Druckstellen. Die Behandlung ist zwar nicht immer aussichtslos, doch oft aufwendig ( teils über einige Wochen). Auch der Algemeinzustand  von „ Bonnie“ wurde immer schlechter. Nach einiger Zeit setzte die Atmung aus. Trotz Künstlicher Beatmung und intensivster medizinischer Betreuung  konnte die Australian –Shepherd-Hündin nicht mehr gerettet werden.

 

Quelle: Leben mit Tieren

Tierarzt Tim Glabasnia

Tierärztliche Fachklinik für

Kleintiere Dr. Unger-

Dr. Schwedes -TA Bentele

Augsburg

http://www.tierklinik-augsburg.de